Bulletin WJJF/ WJJKO

 

 

 

 

 

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Besuch im Hombu Dojo Liverpool

Aufgrund meines Studiums (Lehramt Sport-Englisch), welches mindestens 3 Monate Auslandsaufenthalt von mir verlangt, saß ich Mitte Februar 17:25 Uhr im Flugzeug in Berlin-Schönefeld, um den ersten von drei Monaten in der Fremde zu verbringen.
Ziel: Liverpool, Vereinigtes Königreich.

Der Ort war alles andere als zufällig gewählt. In Liverpool befindet sich das Clark Centre, das Hauptquartier der WJJF-UK – jene Stätte an der einst Soke Clark seinem Lebenswerk nachging. In der Hoffnung, während den vier Wochen mein Englisch zu verbessern, die Kultur kennenzulernen, neue Erfahrungen im Jiu zu sammeln und damit mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, machte ich mich also auf den Weg. Nachdem die ersten Hürden (Unterkunft finden, Bus- und Bahnverbindungen zum Dojo finden) gemeistert waren, stand ich schließlich 10.15 a.m. in der Barlows Lane vor dem altehrwürdigen Gebäude der WJJF-UK.
  
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Ich war eine dreiviertel Stunde zu früh dran. Weit und breit war keine Menschenseele in Sicht und um so mehr freute ich mich, dass nach einer halben Ewigkeit dann doch jemand auftauchte, dem ich, vor Kälte bibbernd, meine Hand schütteln und mich vorstellen konnte. Ich wurde herzlich willkommen geheißen und erst einmal über die Trainingszeiten informiert Montagmorgen stand nämlich nur Büroarbeit auf dem Plan. Dennoch bekam ich so auch eine erste Chance, mich im Inneren des Trainingszentrums umzusehen und die Atmosphäre des Dojos in mir aufzunehmen. Dunkle Holzvertäfelung, Waffen an den Wänden, Lehrtafeln von alten Katas, Bilder von japanischen Meistern – das Clark Centre hat in der Tat etwas von einem Museum. Es wird hier vor allem die Geschichte der WJJF erzählt, und somit auch die Geschichte des Mannes, der die WJJF in Großbritannien ins Leben rief. In der Tat gibt es keine Bewegung im Dojo, die sich nicht unter seinen Augen vollzieht: Aus unzähligen Photographien und Gemälden überblickt er das Geschehen, seine Requisiten sind überall und dennoch ist es vor allem seine geistige Präsenz, die auch die hinterste Ecke des Hauptquartiers durchdringt. Wer hier keine Ehrfurcht verspürt, hat Budo nicht verstanden. Reißerisch? Vielleicht. Für mich jedenfalls war es mehr als Anreiz genug, mein Allerallerbestes zu geben.

Meine erste richtige Trainingseinheit fand schließlich am Dienstagvormittag statt, einst vom Soke unterrichtet. An diesem Tag fand eine „special class" statt, für die selbst einige Mitglieder aus dem 250 Meilen entfernten Norwich anreisten, die ich nun aber, wie herumgeflachst wurde, als am weitesten angereisten Gast abgelöst hatte. Ich fand mich also inmitten von 5., 6., 7. Dans wieder, womit ich nicht nur den Graduierungs- sondern auch den Altersdurchschnitt erheblich senkte;).

  
Die ersten Techniken waren noch nachvollziehbar. Schlag-Block-Schlagkombinationen die noch zu zweit geübt wurden. Noch. Denn nach dem Anfangsgeplänkel wurde es richtig wild.
Zunächst in Dreier- und dann in Vierergruppen entfalteten sich die anfangs einfachen Schlagkombinationen zu schier unendlichen Choreographien aus 20-30 Schlägen und
Tritten, die man abzuwehren oder selbst auszuführen hatte. Das Ganze auf Englisch: “Hit, block, hit, hit-hit, hit, crossblock, knifehand, hit, kick, hit, turn, swap over, hit,……….”
Eine sehr ernüchternde Erfahrung, die mich an meine motorischen Gedächtnisgrenzen führte und mich mit großer Bescheidenheit nach Hause gehen ließ. Nach der
Trainingseinheit wurde ich mit Applaus verabschiedet - ob ich mir den tatsächlich verdient hatte, schien mir sehr zweifelhaft.;)
Mein Herz ging auf, als dann in der nächsten Erwachseneneinheit die sogenannten „symmetrical throws“ geübt wurden und ich endlich etwas Bekanntes erhaschte: Würfe und Hebel kamen ins Spiel und gaben mir das Vertrauen in meine Fähigkeiten wieder.Die Zeit verflog, zumal ich nebenbei mit dem Schreiben von Hausarbeiten und Crossfit-Training beschäftigt war, und bei alledem noch versuchte, etwas von dieser Wahnsinns-Stadt am Fluss Mersey zu sehen, die nun mein kurzfristiges Zuhause geworden war. Die Vormittage mit den „alten Herren“ und die Abende mit den jüngeren Erwachsenen zogen vorbei, und immer und überall waren gute, interessante Dinge zu lernen; Viele kleine Details, die mal versteckt, mal offensichtlich zu mir kamen und mein Wissen bereicherten. Nach und nach lernte ich so auch, dass den Dienstags-Choreografien bei Shihan Brian Truby ein Schema zugrunde lag. Was am Anfang noch wie ein willkürlich zusammengewürfelter Wust an Techniken aussah, war in der Tat nur die fortwährende Kombination von vielen bekannten Einzelfolgen, und ab der zweiten Woche war ich dann recht fit und konnte auch umgedreht anderen auf die Sprünge helfen. Der Ton und wohl auch ich selbst wurde lockerer, und man öffnete sich mir immer mehr – aufrichtiges Interesse wird belohnt! So waren die letzten beiden Trainingseinheiten auch die schönsten und lehrreichsten meines Aufenthaltes.
Ehe ich mich versah, stand auch schon das Allerletzte Training auf dem Plan, für das, wie ich am Vorabend von Präsident Robert Hart erfahren hatte, Shihan Truby eine Überraschung vorbereitet hatte. Nachdem mir noch geraten wurde, meine Kräfte etwas zu sparen, war ich am Samstagvormittag für nahezu alles (zum Beispiel Verteidigung gegen das gesamte Hauptquartier) bereit. Doch was folgte, hätte ich mit keinem Gedanken erwartet: Nach knapp drei Stunden schönem, intensivem Training wurde ich am Ende der Session im wahrsten Sinne des Wortes mit Geschenken überhäuft. Ein neuer Gi mitsamt Aufnähern, eine Urkunde, Stirnband, Kugelschreiber,…und und und. Mir wurde attestiert, dass ich in Anbetracht der kurzen Zeit „very well done“ hatte und ich jederzeit willkommen sei, wieder zurück zu kommen.
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 Viele herzliche Wortwechsel, und dann hieß es Lebewohl – 20 Stunden später saß ich wieder im Flieger. Tja, was soll ich sagen? Das Fazit meines vierwöchigen Aufenthaltes in Liverpool könnte lauten: „Es ist genauso geworden wie ich es mir vorgestellt habe.“ Nein. Es ist viel besser geworden als ich es mir vorgestellt hatte und als ich es mir überhaupt hätte ausmalen können.  Trotz der relativ kurzen Zeit hier habe ich viele Dinge gelernt und erfahren. Nicht nur, dass man English Breakfast nicht jeden Morgen essen sollte und auch in den
Läden und Fußgängerpassagen Linksverkehr herrscht. Liverpool war für mich eine Erfahrung, die mir meine eigenen festgefahrenen Denk- und Bewegungsmuster sehr deutlich vor Augen führte. Es muss nicht immer ein Hebel sein; es muss nicht immer ein Wurf sein, es muss auch nicht immer eine Festlegetechnik sein. Manchmal geht es auch viel pragmatischer. Doch darum geht es letztendlich nicht; sondern darum, „Herauszukommen“ und sich auch mal etwas anderes anzuschauen. Jedes Dojo hat seine eigenen Verhaltensweisen, Bewegungen haben ihre eigene raumzeitliche Struktur, es gibt bestimmte unausgesprochene Regeln (Wie verhalte ich mich gegenüber von Uke/Tori nachdem ich ihn zu Boden gebracht habe? Rolle ich mich weg oder kämpfe, oder gebe ich ihm die Chance der Übung willen noch einmal zu probieren? Usw.) Man muss sich aber immer gewahr sein, dass all iese Dinge, die man sonst für selbstverständlich hinnimmt, nur in dem „Vakuum“ des eigenen Dojos herrschen, und dieses Vakuum auch innerhalb des Verbandes schon im nächsten Dojo wieder völlig anders aussehen kann. 
Shihan Truby sagte dazu: "Ju-Jitsu success must always rest with the individual's own reason and critical analysis." – was so viel bedeutet, dass Erfolg im Jiu-Jitsu immer in der eigenen Vernunft und kritischen Analyse des Einzelnen liegen muss.
Die zweite Sache, die ich loswerden möchte, ist ein Appell.
Wir trainieren in der WORLD Jiu-Jitsu Federation. Das gilt es zu realisieren. Unser Verband ist eine geniale Plattform, die uns eine einzigartige Chance bietet, um andere Kulturen, Länder und Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen. Leider wird diese Chance viel zu wenig genutzt. Das Jiu-Jitsu als Sport und Kunst verbindet Menschen. Egal ob auf Englisch, Italienisch, Deutsch, Bulgarisch oder Russisch – die Sprache von Bewegung ist immer gleich, und so wird man in jedem Land auf der Matte gleichgesinnte Menschen finden. Ich hoffe, dass ich mit meinem Aufenthalt nicht nur mir selbst geholfen habe, sondern diese Tür für Euch und andere ein stückweit aufgestoßen habe und es euch schmackhaft machen konnte, eine solchen Schritt zu gehen. Wer nicht wagt, der nichtgewinnt!;)
Die vielleicht wichtigste Sache, die ich gelernt habe, ist aber letztendlich die: …dass ich noch viel zu lernen habe
In diesem Sinne möchte ich abschließend herzlich unserem Präsidenten Sepp danken, der mir diese Erfahrung mit seinem Einverständnis überhaupt erst ermöglicht hat.
Oss!

Eric Jochmann
1. Dan Jiu-Jitsu

Dojo Shugyo Neuwürschnitz
  

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