Leserbrief unseres Ehrenpräsidenten Sieghard Weiß veröffentlicht in der Fachzeitschrift des Deutschen Judobundes "Judo Magazin"

Die Etikette fehlt

Quo vadis Judo? Diese Frage ist mehr als berechtigt - oder wo bleibt die einstige Faszination dieser Bewegungskunst? Unser Judo, innerhalb  der Europäischen Judo-Union zu einer der größten Bewegung zählend, ist dabei, die letzte Faszination zu verspielen. Die Herausforderung Geist und Körper zu schulen, vor allem zu verinnerlichen, ist mit der Athletik schon lange auf der Strecke geblieben. Man tut so, als wäre man der allein selig machende Budoverband. Wo das "Do" fehlt ist der Weg zu Ende.

In einem Gesundheitsmagazin war einst zu lesen: Beim Judo bleibe nur, wer etwas vom Geist und von der Disziplin der hohen Kunst der Selbstverteidigung gespürt habe. Sie sei geeignet für Buben und Mädchen, für Jung und Reif und für viele Erkrankungen eine hervorragende Therapie. Notwendig sei hierfür eine Bereitschaft zu den Regeln Ritterlichkeit im Kampf, Anerkennung des Gegners, Fairness und dies alles bei einer körperlichen Auslastung und Einsatz der gesamten Muskulatur. Ein Sport mit ethischer Grundlage - ein Sport mit Tradition.

Diese Tradition der Achtung und des Respekts vor dem Anfänger bis zum Höchstgraduierten, dem Meister, muss sich wie ein roter Faden durch jede Stunde des Praktizierens des Budo ziehen. Eine Ganzheit besteht nicht nur aus Inhalt, sondern aus Inhalt und Form. Nicht nur die Techniken, auch die Etikette gehört gelehrt.

Wie wird diese Tradition nach außen dargestellt? Die Etikette einst mit Ehrfurcht bewundert, wird mit Füßen getreten.  Beispiele: Wir finden Szenen der Dekadenz nicht nur im Schüler- und Jugendbereich, sondern bei vielen Veranstaltungen. Einst trug man Zoris außerhalb der Matten. Heute pendelt man barfüßig zwischen Matte und WC - und kein Verantwortlicher stört sich daran. Auf dem Siegerpodest erscheint man in schlafanzugähnlicher Bekleidung, so als schäme man sich fürs Judo. Selbst bei internationalen Veranstaltungen werden solche Bilder zugelassen.

Auch in Japan hat das moderne Judo Spuren hinterlassen, aber die Ehrfurcht ist erhalten geblieben. Bei uns ist es fast eine Abkehr von dem, was man unter Judo verstand, insbesondere, was die Außenwirkung betrifft. Eine solche Reklame führt in der Geschäftswelt unweigerlich zur Insolvenz. Kunden und Mitglieder, kann man nur über eine gute Reklame, also Außenwirkung, gewinnen. Bei uns sollte es nach wie vor das Einfordern von Etikette und Disziplin sein. Ein Weg der heute notwendiger ist, denn je.

Die Hoffnung, mit dem Kinderjudo unseren Sport zu retten, schwindet von Jahr zu Jahr. Auf ein bereits vor 15 Jahren angekündigtes  Erwachsenenprogramm wartet man bis heute. Wer so tut, als brauche man sie nicht - wird eines Tages selbst nicht mehr gebraucht. Gefragt sind Rückbesinnung und Mut von allen Verantwortungsträgern. Natürlich klingt dies alles nach einem ewig Gestrigen - aber ein darüber Nachdenken und Versuchen, das eine oder andere ins rechte Licht zu rücken, würde uns allen gut zu Gesicht stehen. Denken wir daran:

Wo das "Do" fehlt, ist der Weg zu Ende.

Sieghard Weiß